Musterbeispiel für eine Neuinterpretation

Als wir im Jahre 2000 damit begannen historische Skulpturen in farbige Blickfänge (Eyecatcher) umzuwandeln, horchte die Umwelt zu Recht auf. Erst beim näheren Betrachten fiel den Beobachtern dann auf, dass es sich NICHT um historische Figuren, sondern Abformungen von diesen handelte. Noch genauer gesagt waren es übrig gebliebene Muster von damals neuen Werkstoffen, die sich seit Beginn der Abformungswelle in den 70er Jahren in den Firmendepots angesammelt hatten. Diese sollten nun neu in Farbe gesetzt werden, wobei sich uns 4 Möglichkeiten ergaben.

1 – Eine rekonstruierende Neufassung der Abgüsse entsprechend den Originalen, d.h. in etwa gleicher Form, Farbe und Technik (dazu fehlten aber die Originalfiguren);

2 – Eine Neufassung nach Vergleichsbeispielen von ähnlichen Skulpturen oder auch typischen Fassungen von ähnlichen Objekten (das wäre auch möglich gewesen);

3 – Eine zeitgenössische Neuinterpretation der Skulpturen im Stil des Zeitgeschmacks, unter Verwendung moderner Fassungstechniken (wäre ein Alternative zu 2)

4 – Eine bewusste übersteigerte Farbigkeit mit dem Ziel, dass der Betrachter sein Augenmerk unweigerlich auf das Objekt richtet (neue Betrachtungsweise )

Da die duplizierten Skulpturen nicht mehr zur Wiederaufstellung in Kirchen vorgesehen waren, haben wir uns schließlich für die vierte Möglichkeit entschieden mit der Argument, dass die  Kunstgutdoubletten einen idealen Untergrund und die einmalige Möglichkeit bieten, neue Techniken, Gedanken und Interpretationen an diesen Duplikaten umzusetzen.

Musterbeispiel

Die Vorgehensweise zur Herstellung von farbigen Blickfängen (Eyecatcher) läßt sich an einen Beispiel gut erläutern. Ausgehend von den gefährdeten Skulpturen im Barockaltar zu Marienfeld wurden diese in den 80- er Jahren als Kunstharzdoublette kopiert. Das Original wurde sichergestellt (Museum) und eine originalgetreue Kopie mit gleicher Fassung wurde an dessen Stelle im Altar eingesetzt. Zur weiteren Materialforschung und Bemusterung wurde eine zweite Kopie auf gleiche Weise hergestellt und über einen längeren Zeitpunkt in Depots eingelagert. Diese Sicherheitslopie wurde nun nach weiteren 30 Jahren aus den Depots ausgemottet und neu in Farbe gesetzt- aber nicht in der tradierten Art und Weise in hellbeige mit Gold- sondern sehr expressiv nach einem Vorbild. Dieses war bei dieser Skulptur der “weltbekannte” Supermann, der einen sehr hohen Bekanntheitsgrad genießt und dadurch zum Positiven Symbol für den Betrahter werden sollte.

Diesen Aspekt griffen wir auf und gestalteten die Abgüsse in einer übersteigerten, expressiven Farbgebung, um der modernen Ausmalungswelle zu begegnen, aber auch  Personen zu erreichen, die sich sonst wenig für Kunst und Kirche interessierten. So entstanden rund 30 neue Skulpturen, als Eyecatcher, die sich der Kritik der Betrachter unterwerfen mussten. So konnten viele Skulpturen gefallen, manche zum Schmunzeln anregen und wieder andere wurden kritisiert- eine Polarisation, die wir durchaus erwartet hatten. Man muss dabei auch wissen, dass in den 90er Jahren für die Dekoration von Sakral- und Profanräumen neue Formen und Dekorationen gesucht wurden, die dann durch zeitgenössische Künstler an Wand- und Gewölbeflächen umgesetzt wurden. Ganze Kirchenräume wurden seitdem modern gestaltet – nur das Inventar nicht.

Unser primäres Ziel war aber erreicht, als sich die Betrachter mit den dargestellten Skulpturen auseinandersetzen. Zum Instrument wurde dabei die übersteigerte, expressive Farbigkeit, die zwar auf den ersten Blick sehr ungewöhnlich erschien, aber eben einer Metarmorphose diente- nämlich der Umwandlung der Figur. Durch diese Neuinterpretation und Umwandlung erhielten die meisten Skulpturen neben einem veränderten Aussehen auch eine neue inhaltliche Bedeutung, dazu zählen:

*Starkfarbige, übersteigerte Bemalungen mit poppigen Farben,
*Sichtbare Bezüge zu anderen Künstlern (Picasso, Klimt, van Gogh),
*Karikierende Aussagen zu bekannten Personen (Mutter Teresa, Kardinal Meisner)

Mit den starkfarbigen Bemalungen soll auch ein Versuch unternommen werden, jüngere Menschen durch neue visuelle Mittel an die Religion und die einzelnen Heiligen heranzuführen.